Verletzlichkeit zeigen: Warum Führungskräfte nicht perfekt sein müssen

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Ragnhild Struss ist Gründerin und Inhaberin von Struss & Claussen Personal Development. Seit mehr als 15 Jahren berät und hilft sie Menschen dabei, eigene Potenziale zu erkennen, weiterzuentwickeln und strategisch klug einzusetzen. Hier schreibt Ragnhild Struss darüber, wie wichtig es ist als Führungskraft, Verletzlichkeit zu zeigen.

Stets stark sein, niemals verletzlich zeigen: Immer noch scheint ein Großteil der Chefs und Chefinnen sein Denken, Verhalten und Handeln an dieser unausgesprochenen Erwartungshaltung auszurichten. In Folge verlieren sie an Authentizität, die auf individueller als auch unternehmensstrategischer Ebene ganz eigene Potenziale mit sich brächte. Stattdessen wird angestrengt versucht, mutmaßliche Unzulänglichkeiten zu verbergen – aus Angst vor einem möglichen Karriere-Aus. Taktische Überlegungen leiten dann die beruflichen Beziehungen, das Rollenverhalten wird perfektioniert, Misserfolge werden verheimlicht oder heruntergespielt und die Verantwortung für Fehler wird verschoben.

Durch diese Maskerade werden echte Begegnungen und gemeinsames Wachstum verhindert, denn eine negative Fehlerkultur hemmt das Entwicklungspotenzial von Mitarbeiter*innen sowie das Innovationspotenzial von Unternehmen. Leben Vorgesetzte ihrem Team vermeintliche Perfektion vor, fühlen sich die Mitarbeiter*innen unter Druck gesetzt, es ihnen gleichzutun – ein Teufelskreis. In enthumanisierten Arbeitsumgebungen zeigen Menschen nach außen hin nur eine stark redigierte Persona – eine erfolgversprechende Maske – und bringen sich nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit ein. Das kostet Mitarbeitende Kraft und die Firma eine Menge Geld.

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Verletzlichkeit zeigen ist wichtig! Bei Unnahbarkeit wirkt Kompetenz einfach nur kalt

Wir kennen es alle: Makellose Menschen werden zwar für ihre Kompetenz bewundert, doch richtig warm werden wir mit ihnen oft nicht. Denn Perfektion ist eigentlich ziemlich langweilig. Darüber hinaus wirkt sie abschreckend, indem uns durch sie ihre Unerreichbarkeit sowie unsere Fehlbarkeit vor Augen geführt werden. Perfektion lässt keine Nähe zu, denn es sind in Wirklichkeit unsere Unzulänglichkeiten, die uns miteinander verbinden: Menschlichkeit in all ihren Facetten zieht Nahbarkeit, Vertrauen, Loyalität und Wertschätzung nach sich. 

Dass es viele Vorteile hat, mit der eigenen Verletzlichkeit offener umzugehen, hat unter anderem die US-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brené Brown herausgefunden. Welche Gemeinsamkeiten teilen Personen, die sich mit ihren Mitmenschen verbunden und von diesen geliebt fühlen? Sie nehmen sich selbst an mit all ihren Schwächen und bemühen sich erst gar nicht, diese zu verbergen. Indem sie das Risiko eingehen, sich verwundbar zu machen, ist ihre Fähigkeit zum Empfinden positiver Gefühle wie Freude, Liebe und Kreativität erhöht.

Verletzlichkeit zeigen als Fuehrungskraft Ragnhild Stuss von Struss & Claussen
Ragnhild Struss, Gründerin und Inhaberin von Struss & Claussen ©Florian Janssen

Haben Gefühle und Verletzlichkeit im Job nichts zu suchen?

Doch! Wer den Mut aufbringt, sich selbst in all seinen Facetten anzusehen, zur eigenen Unvollkommenheit zu stehen, Verletzlichkeit zu zeigen und die eigenen Emotionen ehrlich zu kommunizieren – sich also authentisch zu zeigen –, wird somit auch zu einer besseren Führungskraft.

Positiver Einfluss aufs Team durch Vorbild-Funktion

Ein offener Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit sollte in den Führungsetagen anfangen. Denn heimlich sehnen wir uns alle nach Authentizität: Den (vermeintlich schlechten) Part der eigenen Persönlichkeit verheimlichen zu müssen und dauernd an einer perfekten Außenwirkung zu arbeiten, strengt an und vergeudet wichtige Ressourcen. Führungskräfte, die zu ihren Schwächen stehen, gemachte Fehler zugeben und sich auch einmal entschuldigen können, inspirieren andere als Vorbilder. Auf diese Weise verletzliche Chefs und Chefinnen wirken greif- und nahbar, stellen Vertrauen her und ebnen den Weg für offene Kommunikation. Und das hat einen positiven Einfluss auf die Stimmung im Team: Müssen sich Mitarbeiter*innen gegenüber ihren Vorgesetzten nicht verstellen, ist dies gegenüber Kolleg*innen ebenso wenig nötig. So kann sich am gesamten Arbeitsplatz eine Kultur des Vertrauens und der Authentizität entwickeln.

Gesteigerte Beziehungsqualität

Psychologische Studien haben gezeigt, dass die Beziehungsqualität zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter*innen Arbeitsleistung, freiwilliges Engagement und Arbeitszufriedenheit deutlich beeinflusst. Vor allem gegenseitiges Vertrauen hat dabei das Potenzial, das wechselseitige Verhältnis zu verbessern – und dieses entsteht dann, wenn man sich so zeigt, wie man wirklich ist. Gelingende Beziehungen zu den Mitarbeiter*innen sind entsprechend nicht nur „nice to have“, sondern ein absolutes Muss, insofern einem Chef oder einer Chefin daran gelegen ist, die Arbeitsmoral nachhaltig zu erhöhen. Führungskräfte sollten sich bemühen, mit jedem*r Mitarbeiter*in ein gutes Verhältnis aufzubauen, statt sich nur auf diejenigen zu konzentrieren, die sie ohnehin bereits mögen. Was ungemein dabei hilft, nachhaltiges Vertrauen zu etablieren: sich nahbar, menschlich und die eigene Verletzlichkeit zeigen, hin und wieder auch mal selbst um Hilfe bitten, Ängste zugeben, Zweifel und persönliche Erschöpfung teilen oder ein wenig aus dem Privatleben erzählen. 

Mutigere Entscheidungen

Um Erfolg zu haben, muss man Risiken eingehen: strategische, finanzielle – und manchmal auch persönliche. Nur wer eine potentielle emotionale Bloßstellung in Kauf nimmt, kann als Führungskraft beherzt Neues wagen. Ein zu starker Fokus auf der Verhinderung von Fehlern geht meist mit einer passiven, konservativen Reaktion auf Herausforderungen einher, wo man ihnen im günstigeren Falle aktiv und innovativ begegnen sollte. Sicherheit ist ohnehin niemals garantiert – aber auf ihre Kosten bleibt häufig ein möglicher Fortschritt auf der Strecke. Gerade für eine Führungskraft ist es wichtig, dass sie mutig vorangeht und ihrem Team zeigt: Gute Ideen und Eigeninitiative sind gefragt. Es ist viel besser, auch einmal Wagnisse einzugehen und in eine tolle Idee zu „investieren“, als sich mit Stagnation abzufinden.   

Verletzlichkeit zeigen durch konstruktiven Umgang mit Niederlagen

So sehr wir uns auch anstrengen, sind wir alle nicht vor Niederlagen gefeit – und auch die gründlichste Planung verhindert nicht, dass einige Vorhaben scheitern. Solche Fehlschläge nicht als „lebensbedrohlich“, als ultimatives persönliches Versagen oder als Karriere-Aus zu betrachten, sondern als einen normalen Part des (Führungs-)Lebens, führt zu einem gelasseneren Umgang damit. Eine positive Fehlerkultur bringt erwiesenermaßen viele Vorteile mit sich: Produktivität und Innovation werden gefördert, Mitarbeiterbindung wird gestärkt und Motivation wird beflügelt. Verletzlichkeit zeigen und eine konstruktive Einstellung zum Scheitern bedeutet zunächst einmal, Fehler nicht zu vertuschen, sondern zu ihnen zu stehen – auch öffentlich.

Chefs und Chefinnen sind auch nur Menschen und treffen manchmal Entscheidungen, die sich später als unglücklich herausstellen. Es ist wichtig, Situationen nüchtern zu analysieren, zu begreifen, was und warum es nicht funktioniert hat, und daraus für künftige Projekte zu lernen. Es erfordert Mut, Verantwortung zu übernehmen – und das zeugt von wesentlich größerer Stärke, als auf unredliche Art einem Dritten oder externen Umständen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wer so mit Niederlagen umgeht, verwandelt sie in eine Chance zu Weiterentwicklung und Wachstum.  

Großzügig sein mit den Eigenarten anderer

Begegnen wir uns selbst bewusst, liebevoll und großzügig, gelingt uns dies auch viel besser anderen gegenüber: Denn ganz im Sinne von „If you spot it, you’ve got it“ werden wir in der Regel gerade von solchen Verhaltensweisen und Eigenschaften anderer Menschen getriggert, die in irgendeiner Form für uns selbst ungeklärt sind. Zum Beispiel, weil wir solche Anteile in uns unterdrücken, solche „Fehler“ in Wirklichkeit auch besitzen und uns selbst dafür verurteilen, weil wir neidisch sind und diese Eigenschaften auch gerne hätten oder weil sie uns an eine negativ konnotierte Person aus unserer Vergangenheit erinnern. Wenn wir Verletzlichkeit zeigen, eigene Schattenanteile integrieren und Frieden mit ihnen schließen, dann bringen andere Menschen uns weniger leicht auf die Palme. So kann ein ruhigerer, konstruktiver Austausch miteinander stattfinden, und wir konzentrieren uns mehr auf die Sachebene – vor allem in professionellen Beziehungen vorteilhaft. 

Entfaltung des persönlichen Potenzials

Es kostet viel Kraft, sich andauernd verstellen zu müssen. Indem wir unsere vermeintlich schlechten Persönlichkeitsanteile vor anderen und manchmal auch vor uns selbst verstecken, wird psychische Energie gebunden – die schließlich an anderer Stelle fehlt. Das übermäßige Kontrollieren unserer Außenwirkung aufzugeben, der Welt Verletzlichkeit zeigen und uns ohne übertriebene Selbstzensur zu präsentieren, setzt Kraft für unsere Weiterentwicklung frei. Wenn wir uns unserer blinden Flecken bewusst werden und sie annehmen, können wir als nächster Schritt auf reife Weise mit ihnen umgehen.

So kann beispielsweise eine Führungskraft, die ihre Schwäche in puncto Zeitmanagement zugibt, zum einen selbst Maßnahmen zum Umgang mit dieser Veranlagung ergreifen (etwa einen Planer führen oder morgens die To-do-Liste durchgehen). Zum anderen kann sie auf die Unterstützung von Teammitgliedern bauen, die in diesem Thema stark sind, sie auf nahende Deadlines hinweisen und den Überblick bei Projekten behalten. Durch die Hilfe von außen kann sich dann der Chef oder die Chefin mehr auf die Bereiche konzentrieren, die ihm*ihr liegen – alles positive Folgen eines ehrlichen Umgangs mit den eigenen Unzulänglichkeiten.

Unsere Arbeitskultur ist zum Glück in einem grundlegenden Wandel begriffen, die Rolle von Authentizität am Arbeitsplatz wird immer wesentlicher. Insbesondere Vorgesetzte profitieren, wenn sie ihre Perfektionsmaske ablegen, sich verletzlich zeigen und so für sich und ihr Team die Arbeitsbedingungen zum Positiven verändern. Seien Sie also mutig und zeigen Sie sich so, wie Sie sind!


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